17.08.07

Der Tag, an dem die kleine Roujan verschwand

Der 13. Juni 1995 war ein typischer Kopenhagener Sommertag. Es war schwül, und weil die Sommerferien kurz bevorstanden, auch hektisch. Immer wieder tröpfelte es leise vom bewölkten Himmel, am späten Nachmittag regnete es schließlich heftiger. Es sollte der letzte Regen vor einer wochenlangen Hitzewelle sein. Und es sollte der letzte glückliche Tag im Leben der Familie Ismaeel werden.

Nach 17 Uhr leerten sich in den Wohnvierteln die Straßen. Kopenhagener Familien versammeln sich zwischen 17 und 19 Uhr zum Abendessen. Oft ist es der einzige Zeitpunkt des Tages, an dem alle zusammrn sind, und vielen Dänen sind diese Stunden heilig. Aufgrund des starken Regens leerten sich die Straßen noch schneller als sonst.

Es wurde still in Kopenhagen, auch von den Spielplätzen kam kein Lachen und Rufen mehr.

Die meisten elten nach Hause, nur die kleine siebenjährige Roujan Ismaeel nicht.




Kopenhagen - der gelbmarkierte Bereich entspricht in etwas Nørrebro




Mimersgade - Rådmansgade - Dagmarsgade - in diesen Straßen spielte sich das Drama ab.





Roujan ist Tochter von kurdischen Flüchtlingen, aber voll in der Kopenhagener Gesellschaft integriert. Sie besucht eine Kopenhagener Schule und sie spricht fließend dänisch. Sie ist hübsch, Nachbarn und Lehrer beschreiben sie als „vertrauensvoll“. Viele Ladeninhaber des Viertels kennen ihr lustiges Lachen, denn sie holt sich gerne mal einen Kaugummi oder eine Tüte Bonbons.

Roujans Familie wohnt in der Kopenhagener Straße Mimersgade im Junge-Leute-Viertel Nørrebro. Hier gibt es – dicht nebeneinander – alte gepflegte Wohnhäuser, abrissreife Altbauten und unkühlte, vernünftige Betonviertel. Unter jungen Leuten gilt es als recht chic, hier zu leben, und man gibt sich tolerant und offen.

Um 17.30 Uhr sehen Nachbarn das Mädchen auf einem Dreirad über den Bürgersteig flitzen. Fünf bis zehn Minuten später blickte Roujans Mutter routinemäßig aus dem Fenster. Sie konnte ihre Tochter nicht sehen, weder auf dem Spielplatz im Hof noch vor dem Haus auf dem Bürgersteig. Die Mutter bekommt Panik, beschließt aber, kurz zu warten.

Fast zeitgleich schaut in der Rådmansgade eine junge ausländische Studentin aus der Haustür und sieht gegenüber einen Mann mit einem kleinen Mädchen. Er zieht das Mädchen in das Treppenhaus, das Mädchen fällt dabei um. Wütend tritt er nach dem schreienden Kind. Dann blickt der Mann für einen Augenblick hoch und schaut der Studentin direkt in die Augen. Schnell schließt sie die Tür, sie denkt, sie steht einem überstrengen Vater gegenüber und will sich in Erziehungsprobleme nicht einmischen. Bevor sie die Tür zuzieht, sieht sie noch ein Pärchen mit einem Kinderwagen vorbeigehen. Das Pärchen hat einen kleinen weißen Hund und beobachtet entsetzt – genau wie sie – den „brutalen Vater“. Aber auch dieses Pärchen greift nicht ein.

Schon seit dem frühen Vormittag sitzt trotz des Regens ein Mann auf einem Baugerüst und blickt in das Fenster einer gegenüberliegenden Wohnung. Er sitzt auf dem Gerüst, raucht eine nach der anderen und leidet wie ein Hund. Seine Ex ist mit einem anderen Mann zusammen gezogen, nun versucht er das neue Liebesglück seiner Verflossenen auszuspionieren. Er beobachtet die Wohnung in der Dagmarsgade den ganzen Tag – auch zwischen 17.40 und 18 Uhr. Wenn er sich nur ein einziges Mal in der Zeit zwischen 17.40 und 18 Uhr umgedreht hätte, hätte er direkt in einen Hinterhof geblickt und wäre wahrscheinlich Augenzeuge einer schrecklichen Tat geworden.

Kurz vor 18 Uhr kommt Roujans Vater von der Arbeit nach Hause. Er erfährt, dass seine Tochter nirgendwo zu sehen ist und macht sich umgehend auf die Suche. Nachbarn und Bekannte helfen mit. Man klingelt an den Türen befreundeter Kinder, fragt in Läden, in denen sie besonders gerne Bonbons gekauft hat.

Um 19.20 ist die Suche beendet. Ein Bewohner in der Rådmansgade 10 - keine Minute von der Roujans Wohnung entfernt – blickt aus dem Küchenfenster in den Hinterhof. Er will das Fenster schließen und blick dabei direkt in einen Lichtschacht. Im Schacht liegt eine riesige Plastiktüte. Die Tüte ist nicht verschlossen, zwei schrecklich verwinkelte Beine schauen heraus. Es sind Kinderbeine. "Ich dachte, es ist eine große Puppe. Ich ging hinunter und warf ein bisschen Müll auf die Puppe, einfach nur um zu sehen, ob sie sich bewegt. Dabei merkte ich, dass es ein Mensch ist." Der Mann alarmiert die Polizei.

Währenddessen klingeln die Ismaeels noch bei Freunden und Bekannten. Plötzlich sehen sie in der Seitenstraße die Polizei und einen Menschenauflauf. Sie laufen hin und hören, dass man ein totes Kind gefunden hatte. Roujans Mutter bricht schreiend zusammen. Ein Notarzt bringt die Eltern in ein Krankenhaus.



Die Suche nach Roujans Mörder

16.08.07

Crime-Telegramm / aus der schwedischen Rechtspraxis

Mord an der Frau - nicht ganz so schlimm?


Die schwedische Justiz unterscheidet zwischen „Mord in besonders schweren Fall“ und „normalem Mord“ bzw. Totschlag. Für den „schweren Fall“ gibt es Lebenslänglich, für den „normalen Mord“ nur bis zu zehn Jahre. Schwedische Rechtspraxis hat gezeigt, dass Morde an Ehefrauen, Lebensgefährtinnen und Ex-Frauen von den Richtern so gut wie immer als „normaler Mord“ eingestuft wird.

In Schweden hagelte es in der letzten Zeit Proteste gegen diese Rechtspraxis. Auslöser war der Mord an Jenny (24). Ihr Mann hatte sie in ihrem eigenen Bett erstochen und erwürgt, während ihr vierjähriger Sohn im Zimmer nebenan lag. Jenny hatte ihrem Mann mitgeteilt, dass sie die Scheidung eingereicht hatte. In der gleichen Nacht drehte ihr Mann durch. Der Richter verurteilte den Täter zu zehn Jahren Haft und sagte in der Urteilsbegründung: „Lebenslänglich sollte den schwersten Fällen von Mord vorbehalten bleiben.“

Die schwedischen Richter haben nämlich das Problem, dass das Gesetz kein Mittelding kennt. Es gibt zehn Jahre oder Lebenslänglich - und dazwischen ist absolut nichts!

Bis zum 30. April 2008 soll nun ein Ausschuss die Auswirkungen der Gesetze untersuchen und dem Parlament einen Vorschlag zur Gesetzesänderung vorlegen. Viele Schweden hoffen, dass dann die Normalmordstrafe stufenweise auf 18 Jahre angehoben wird. Die neuen Strafmaße könnten dann 2009 in Kraft treten.

Liza Marklund – schwedische Journalistin und Krimiautorin – hat sich in die laufende Diskussion eingemischt. Sie empfindet die momentane Rechtspraxis als „ausgesprochen horribel“. Liza Marklund hat unzählige Richter und Staatsanwälte interviewt und dabei immer wieder deutlich den Eindruck bekommen, dass Morde an Frauen geringer bestraft werden, als Morde an Männern.

In einem Interview mit „Expressen“ berichtet sie von einer Frau, die von ihrem Lebensgefährten mit 26 Messerstichen getötet wurde. „Ich sprach kurz darauf mit dem Staatsanwalt und er meinte, man wisse ja nicht, ob es wirklich Mord sei, vielleicht sei es ja nur Totschlag. Ich habe zu ihm gesagt, dass er wohl einen Witz mache. Die Frau ist regelrecht abgeschlachtet worden. Dann gab es den Fall „Maria“. Sie wurde in ihrem Bett mit einem Beil erschlagen! Sie hatte 28 Beilhiebe im ganzen Körper. Ihr Mann bekam nur zehn Jahre, weil der Richter die Tat als nicht ‚geplant und nicht besonders brutal’ einstufte. Dabei hatte der Mann im Wohnzimmer mit dem Beil in der Hand darauf gewartet, dass seine Frau einschläft!“

Mal schauen, ob die Schweden im kommenden Jahr ihr Gesetz verändern...

14.08.07

Der weinerliche Giftmischer

Der Prozess gegen Terje Wiik, siehe "... wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt"

Terje Wiik, der seine Ex-Freundin und Nachbarin Inger Lise Bakken langsam mit Thallium vergiftet hatte, war bereits festgenommen worden, als Inger noch lebte. Die Ärzte kämpften um ihr Leben, aber das Gift zerstörte ein Organ nach dem anderen. Aus einer Anklage wegen schwerer Körperverletzung wurde am Ende eine Anklage wegen Mord.

Chefarzt Dr. Harald Hovdal schilderte später vor Gericht, wie schmerzhaft der langsame Tod von Inger Lise Bakken gewesen war. „Sie kam am 24. Januar ins Krankenhaus. Sie war ein stark leidender Mensch, ihre Schmerzen erreichten das höchstmögliche Niveau. Sie hatte extreme Schmerzen und sehr viel Angst. Wir wussten nicht, was ihr fehlte. Erst dachten wir an eine Nervenentzündung, aber wir Ärzte haben natürlich auch andere Krankheiten diskutiert. Wir dachten an eine Bleivergiftung, aber an Thallium dachte keiner von uns. Erst als einige Tage später die Analysen ihres Blutes vorlagen, wussten wir Bescheid. Wir begannen sofort mit der Behandlung. Als Gegengift verwendet man „Berlinerblau“. Wenn wir auch nur geahnt hätten, mit was Inger Lise Bakken vergiftet worden ist, hätten wir viel früher mit dieser Behandlung begonnen! Ob sie dann überlebt hätte, ist allerdings nicht zu sagen. Wir werden es nie wissen. Ein Organ nach dem anderen versagte in ihren Körper, sie wurde an das Beatmungsgerät angeschlossen. Aber am Ende war sie hirntot. Am 17. Februar um 23.33 Uhr stoppten wir die Maschinen und Inger Lise Bakken starb.“

Als der Arzt diese erschütternde Aussage machte, war den Norwegern schon längst klar, dass auf der Anklagebank kein Monster im üblichen Sinne saß. Die Norweger hatten sich vor dem Prozess einen eiskalten gefühllosen Killer vorgestellt. Was sie nun sahen, war ein sich elegant formulierender, hoch gebildeter Mann, der sichtbar litt und wirkte, als sei er kurz vor dem Zusammenbruch. Allerdings nicht wegen seiner Tat, sondern wegen der ungerechten Justiz! Während er den Leiden von Inger Lise Bakken kaum Beachtung schenkte, bedauerte er immer wieder sein eigenes hartes Schicksal.

Denn – und das sagte er immer wieder – er wollte Inger Lise angeblich überhaupt nicht töten!

Der Prozess gegen Terje Wiik (damals 51) begann am 17. Januar 2000, fast ein Jahr nach Inger Lises Tod. Terje Wiik hatte bereits eine Woche nach seiner Verhaftung gestanden, Thallium gekauft und in Inger Lises Getränke gemischt zu haben. Aber von Anfang an hielt er auch daran fest, dass er seine Ex „nur“ ärgern wollte. An einen Mord habe er nie gedacht.

Als er im Gerichtssaal von Trondheim seine Aussage machte, begann er mit einer umfangreichen Entschuldigung. „Ich bedauere gegenüber Ingers Familie alles, was geschehen ist. Aber ich war sehr verzweifelt …“

Obwohl er Ingers Tod zwar „bedauerte“, wies er eine eigentliche Schuld weit von sich. Er habe nur gewollt, dass Inger Lise ihre Haare verliert und damit für andere Männer unattraktiv wird.

Als er gefragt wurde, warum er dann so große Mengen Gift gekauft hatte, sprach er wieder nur von sich und seiner „Verzweiflung“. Der Richter musste die Frage fünf Mal wiederholen, bis eine Antwort kam, in der Inger Lise einigermaßen erwähnt wurde. „Ich lebte in einer Hölle. Sie war so eifersüchtig. Und dann wollte sie ohne mich verreisen. Sie wollte mit ihrer Freundin in den Süden fliegen, da dachte ich daran, dass sie ihre Haare verlieren sollte …“

Besonders erschütternd war seine Reaktion, als er gefragt wurde, wie es war, als er Inger Lise in ihrer Wohnung vor Schmerzen weinen hörte. Ob er ihre Krankheit nicht mit dem Gift in Verbindung gebracht hätte? Terje Wiik tat so, als wundere ihn diese Frage über alle Maßen: „Ich habe ihre Schmerzen mit dem Thallium nicht in Verbindung gebrach. Ich hatte keine Ahnung, dass ihre Krankheit etwas mit dem Gift zu tun hatte …“

Weitere verblüffende Aussagen:

„Ich habe vorher Selbstversuche gemacht und nichts gespürt.“

„Ich habe gelesen, dass Nikotin zehn Mal gefährlicher ist als Thallium.“

Die Staatsanwaltschaft konnte jedoch ohne Probleme alle Beweise vorlegen, die sich ein Ankläger nur wünschen kann. Terje Wiik arbeitete als Ingenieur in einem Forschungslabor und kannte sich schon rein beruflich auch sehr gut mit Chemie aus. Er hatte sich außerdem immer wieder per Internet über Thallium informiert. Und er hatte Inger Lise Bakken die 40-fache tödliche Menge eingeflösst!

Während des Prozesses gab er ein Interview, in dem er behauptete, dass er im Prozess um sein Leben kämpfe. Überhaupt war das Leben in der U-Haft eine Qual für den armen Mann: „Es ist schrecklich im Gefängnis, ich habe schon zugenommen, weil ich nur einmal in der Woche joggen kann. Ich musste sogar die Hose, die ich anhabe, ausleihen.“

Sein Selbstmitleid und seine zahlreichen Unschulds-Versicherungen waren wirkungslos. Er erhielt die in Norwegen höchstmögliche Strafe von 21 Jahren Gefängnis und zehn Jahren Sicherheitsverwahrung.

Terje Wiik sprach anschließend von Justizmord und legte umgehend Berufung ein.

In einem weiteren Interview versuchte er erneut, Stimmung für sich zu machen: „Ich bin kein Monster und kein Ungeheuer. Ich bin Schuld an Inger Lises Tod, aber ich wollte sie nicht töten. Die Psychiater haben gesagt, dass ich wieder morden könnte. Ich dachte, sie wollten mir helfen. Aber sie haben mich als egoistisch bezeichnet … wie sollte ich hier im Gefängnis eine neue Frau kennen lernen? Ich bin ein alter Mann, ich suche keine neue Frau. Nur meine Kinder und Enkel sind wichtig für mich … Ich habe Angst, im Gefängnis zu sterben. Wenn ich diese lange Haftstrafe überhaupt überlebe, dann bekomme ich nicht viel Zeit in der Freiheit. Ich finde, ich habe eine zweite Chance hier im Leben verdient.“

Terje Wiik bekam teilweise Recht. Bei einem Berufungsverfahren wurde die Sicherheitsverwahrung aus dem Urteil gelöscht, er muss jetzt „nur“ noch 21 Jahre hinter Gittern sitzen. Die Richter kamen zu dem Schluss, dass Terje Wiik nach der Haftstrafe 71 Jahre alt ist und dann nicht mehr gefährlich sein kann.

Crime-Telegramm

Doppelmord oder einfach „nur“ spurlos verschwunden?

Mitte Januar 2007 verschwand aus einem einsam gelegenen Haus bei Helsingborg in Südschweden ein älteres Ehepaar. Sölve Svensson (64) und Irene Haldert (58) waren von heute auf morgen einfach wie vom Erdboden verschwunden. Ihr Essen stand noch unberührt in der Mikrowelle, und ihre geliebten und immer wohl versorgten Katzen jammerten vor leeren Futternäpfen.

Die Polizei stand vor einem Rätsel, schien aber einer Lösung nahe zu sein, als ein junger Mann im März versuchte, das Auto des Paares zu verkaufen. Der 21-Jährige gestand gleich eine Reihe von Betrügereien, aber mit dem Verschwinden des Paares wollte er nichts zu tun haben. Er hatte zwar u.a. den Führerschein von Sölve gestohlen und in Sölves Namen drei Kredite beantragt – aber ein Mörder sei er auf keinen Fall!

Die Polizei suchte intensiv nach den Leichen von Sölve und Irene. Taucher untersuchten verschiedene Seen; Wälder und Gebüsche wurden durchkämmt. Aber das Paar blieb verschwunden. Der 21-Jährige sollte – ohne Leichen – wegen Doppelmordes verurteilt werden. Der wichtigste Beweis der Staatsanwaltschaft sind Blutspuren, die die Polizei im gestohlenen Auto des Paares gefunden hatte.

Am 13. August wurde der 21-Jährige überraschend aus der U-Haft entlassen. Eine Erklärung von der Staatsanwaltschaft gab es nicht, am 31. August soll – wie geplant – ein Urteil fallen. Der 21-Jährige und sein Anwalt haben u. a. die Theorie geäußert, dass Sölve Svensson selbst seine Frau Irene umgebracht hat und dann anschließend entweder Selbstmord begangen hat oder einfach nur untergetaucht ist.

Aftonbladet 14.8.2007 meldet die Freilassung des Angeklagten