11.08.12

Thomas Quick - der Mann, der ein Serienkiller sein wollte.



Er war ein pädophiler, nekrophiler Serienkiller, der seine Opfer auch noch aß. Ein Monster. In ganz Skandinavien will er eine Spur des Todes hinter sich gelassen haben – am Ende gestand er 30 Morde in Schweden, Finnland, Norwegen und Dänemark. Und seine Eltern hatten ihn dazu gemacht, als sie seinen kleinen Bruder vor seinen Augen getötet hatten.
Aber nichts davon war wahr. Alles ist nur eine unendliche Geschichte von Lügenmärchen und Phantasiegeschichten. Im Grunde war er sein ganzes Leben nur ein drogenkranker Kinderschänder, der – lange mit großem Erfolg! – versucht hat, als „Serienmörder“ einen besonderen Status zu erlangen.  Erst vor einigen Jahren – als Quick bereits wegen acht Morden verurteilt war – fiel das Kartenhaus der erfundenen Killergeschichten langsam in sich zusammen. Aber die Polizei, die Staatsanwaltschaft, die Gerichte – alle glaubten ihm viele Jahre lang seine Geschichten. Auch wenn z.B. seine Geschwister versicherten, dass die Eltern nie eines der Kinder getötet hätten. Und sie glaubten ihm auch dann noch, als Bergwalls Lügen immer offensichtlicher wurde und er Morde an Personen gestand, die immer noch lebten. Erst die Arbeit eines schwedischen Journalisten brachte alles ans Tageslicht.

Aftonbladet "Man erschuf ein Monster"

Thomas Quick kam als Sture Bergwall 1950 im schwedischen Falun zur Welt. Später – in seiner Zeit als Lügenbaron der Kriminalgeschichte – nannte er sich Thomas Quick und wurde unter diesem Namen über die Grenzen Skandinaviens hinaus bekannt. Seit 2002 nennt er sich wieder Sture Bergwall. Ich werde ihn hier weiterhin Thomas Quick nennen, weil er als solcher bekannt wurde.
Er wuchs mit sechs Geschwistern auf, u.a. einer Zwillingsschwester. Sie hat später berichtet, dass Thomas als Kind bereits sehr nervig, aggressiv und vor allem manipulativ war. Fest steht, dass er TB bekam und einige Zeit in einem Sanatorium verbringen musste. Es steht auch fest, dass er bereits im Gymnasium anfing, Lösungsmittel zu inhalieren und langsam zu einem drogenkranken jungen Mann wurde, der eine Schwäche für kleine Jungs hatte. Als 19-Jähriger belästigte er vier Jungen, während er in einem Krankenhaus arbeitete. Alle vier Kinder waren Patienten. Quick kam zum ersten Mal in die Psychiatrie.
Später stach er unter Drogen- und Alkoholeinfluss einen Mann nieder. 1991 kam er dann schließlich nach einer Geiselnahme und einem Überfall erneut in die geschlossene Psychiatrie. Sein Mittäter war nur 15 Jahre alt gewesen, und Quick war immer noch drogenkrank. Es hatte sich also seit seiner früheren Jugend trotz psychiatrischer Behandlung nichts geändert.
Als er nach einigen Jahren langsam wieder auf ein Leben in Freiheit vorbereitet werden sollte, bekam er eine kleine Wohnung. Dort fand man bereits nach kurzer Zeit Kinderporno, Quick sollte nun in einer anderen Anstalt eine intensive Psychotherapie bekommen.
Es waren die 90er Jahre, Serienmörder waren damals auf einmal DAS Thema. Der Film „Das Schweigen der Lämmer“ hatte Premiere, das Buch „American Psycho“ machte von sich Reden. Quick fand das alles sehr interessant. Jahrzehnte später sagte er zu dem Journalisten und Autor Hannes Råstam: „Ich begriff, dass man intelligent und gleichzeitig Serienmörder sein konnte, das war wichtig für mich.“
Als er während eines Freigangs in Stockholm war, besuchte er die Bibliothek und las auf Mikrofilm alles, was über das Verschwinden von Thomas Blomgren geschrieben worden war. Er wurde seit 1964 vermisst, es gab keinerlei Hinweise und Spuren. Quick lernte alles auswendig, und gestand bei der nächsten Therapie-Stunde, diesen Mord begangen zu haben.
Die Aktion war für ihn ungefährlich. Er wäre zum Tatzeitpunkt nur 14 Jahre alt gewesen. Die Psychiater hätten allerdings nur einmal in die Kalender schauen müssen, dann hätten sie gemerkt, dass das alles nicht stimmen konnte. Quick wurde genau an dem Wochenende, an dem Blomgren verschwunden war, konfirmiert und war tagelang von der ganzen Familie umgeben gewesen. Aber niemand überprüfte das, und dass Quick auch keine Leiche vorweisen konnte, schien ebenfalls niemanden zu stören.
Für Quick wurde das falsche Geständnis jedoch zum Erfolgserlebnis. Seine Psychiater nahmen ihn von nun an wirklich ernst, er bekam jede Menge Medikamente und jede Menge Aufmerksamkeit.
Kurz darauf gestand er einen neuen Mord, und nun begann sich die Polizei ernsthaft für diesen merkwürdigen Psychiatrie-Patienten zu interessieren.

Aus ganz Skandinavien kamen Ermittler mit ihren ungeklärten Fällen und hofften, in Quick endlich einen Täter gefunden zu haben. Sie wurden nicht enttäuscht! Quick gestand alles, was es zu gestehen gab. Auch Morde, die nie stattgefunden hatten. So suchte man in Norwegen einmal nach Quicks Anweisungen nach zwei Leichen in einem See. Bis sich dann heraus stellte, dass beide „Opfer“ noch lebten.
Journalist Hannes Råstam hatte sich lange für den Fall Thomas Quick interessiert. Nach dieser merkwürdigen Suche nach nicht existierenden Leichen wurde er misstrauisch. Er reiste nach Norwegen und sah das Verhörmaterial der norwegischen Polizei durch. Er war entsetzt, denn auf den Videos war eindeutig zu erkennen, dass Quick unter Medikamenten stand. Er rollte mit den Augen, er schrie und wirkte wie ein Verrückter. Ihm wurde klar, dass hier etwas nicht stimmen konnte.
Zurück in Schweden besuchte er Quick in der Psychiatrie, und in langen Gesprächen gab Quick nun endlich zu, dass alles erfunden war.
Quick wurde inzwischen in den meisten Fällen bereits wieder freigesprochen. Zwei Fälle stehen noch aus.
Hannes Råstam schrieb ein Buch über Quick, am 10. August ist es in Schweden erschienen. „Der Fall Thomas Quick“. Leider erkrankte der Autor während seiner Arbeit schwer. Er schrieb das letzte Kapitel fertig – am nächsten Tag starb er.






Inzwischen fordern Angehörige der Mordopfer eine Untersuchungskommission. Denn für sie ist es besonders schmerzhaft. Da Quick nicht der Mörder war  - wer war es dann?

Quicks Geständnisse 





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